Wie halten wir es mit der Religion

Am 07.09.2016 haben wir mit Dr. Christine Bischoff über das Thema Religion diskutiert, was vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise einen hochaktuellen Bezug hat.

Dr. Christine Bischoff lehrt und forscht am Institut für Volkskunde / Kulturanthropologie am Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Religiosität und Spiritualität im Alltag und Migrationsforschung.

Das Religiöse hat in unserem Alltag Konjunktur: Einerseits scheinen in vielen Konflikten Spannungen entlang religiöser Zugehörigkeiten zu beobachten. Religiöses wird zunehmend wieder mit Krieg, Gewalt und Terror assoziiert. Andererseits boomen gegenwärtige Spielarten des Religiösen und sind von starker Personalisierung gekennzeichnet: Nina Hagen zitiert in ihrer Biografie Bibeltexte, Madonna lässt sich beim Besuch von Kabbalah-Gottesdiensten fotografieren, Hip Hopper legen in Liedtexten und Talkshows religiöse Glaubensbekenntnisse ab. Der Weltmarkt der Religionen und des Glaubens ist gewaltig in Bewegung.

Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland zwar in einem säkularen Staat. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Religion reine Privatsache ist und in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Säkularität heißt nicht Religionsfeindlichkeit, sondern der Schutz der Religionsfreiheit, die zu den klassischen, national und international geschützten Menschenrechten gehört. Wie können etwa individuelle Rechte auf Religionsfreiheit und kollektive Rechte von Religionsgemeinschaften miteinander in Einklang gebracht werden? Gegenwärtige Debatten über religiöse Symbole – sei es das Tragen des Kopftuchs oder der Kippa, die Anbringung bzw. Abnahme von Kruzifixen in öffentlichen Räumen, die Durchführung von Beschneidungsriten – oder Diskussionen um Fundamentalismus sowie die Tradierung von Geschlechterrollen in religiösen Kontexten stehen im Zeichen zweideutiger Diskurse, in denen es immer auch um kulturelle, soziale und politische Bedeutungszuschreibungen und Machtstrukturen geht.

In dem Zirkel haben wir darüber diskutiert, wie zwischen Angehörigen verschiedener Religions- und Traditionsgemeinschaften ein alltägliches Zusammenleben möglich ist, das nicht nur auf scharfer Trennung, sondern Durchlässigkeit beruht. Inwieweit müssen religiöse Gemeinschaften und ihre Traditionen so vergesellschaftet sein, dass Konflikte wegen unterschiedlicher Werte und partikularer Traditionen und Praktiken nicht konfliktfrei, aber doch „zivil“ ausgetragen werden? Und in welchem Verhältnis stehen hierbei Religion und Kultur?

Mittwoch, 07. September 2016

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